Verlag der Gesellschaft für Kulturwissenschaft e.V.
Bücher
Günter Rohrmoser
Konservatives Denken
im Kontext der Moderne                                                                        

September 2006, 325 S., gebunden, Euro 22,75

Das Scheitern der progressiv-utopischen Träume und der libertären Gesellschaftsmodelle zwingt zu einer erneuten Auseinandersetzung mit konservativem Denken. Es geht dabei nicht um Nostalgie oder gar um die Erneuerung des Erbes der sog. „Konservativen Revolution" der 20er Jahre, woran heute viele denken, wenn von konservativ die Rede ist.
Es geht vielmehr um Ausprägungen des konservativen Gedankens, die sich dem Härtetest der Moderne ausgesetzt haben und sich in ihrer analytischen und prognostischen Kraft, den sog. linken Positionen nicht nur als gewachsen, sondern als ihnen überlegen erwiesen haben. Während die linken Utopien im Dämmern der Vergangenheit verschwinden, erfüllen sich die Geschichtsprognosen konservativen Charakters und Herkunft in einem beklemmenden Ausmaß. Es stellt sich die Frage: Was hat konservatives Denken zu diesem prognostischen Erfassen zukünftiger, heute gegenwärtiger Prozesse befähigt? Was könnten wir, ja müssten wir heute aus ihnen lernen?
In exemplarischen Fällen behandelt diese Untersuchung u. a. das Denken Alexis de Tocquevilles, der sich um eine Versöhnung von Demokratie und Christentum bemüht hatte, um willen der Verhinderung einer sanften sozialen Despotie, die man heute durchaus beobachten kann.
Donoso Cortés entwickelt, und das bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die apokalyptische Perspektive, die sich mit dem Fortgang der Moderne verbindet, die uns heute in einem bedrängendem Ausmaße erreicht.
Wir interpretieren auch das Denken Carl Schmitts, nicht um die unübersehbare Schmitt-Literatur zu erweitern, sondern um den Zusammenhang nachzuweisen, der zwischen dem theologisch begründeten Denken und dem staatstheoretischen und politischen Denken bei Carl Schmitt besteht. Schließlich wird noch die Philosophie Arnold Gehlens beigezogen, der seinen Konservativismus aus anthropologischen Motiven entwickelt hat und dessen Ergebnissen nunmehr eine universale Bedeutung zugesprochen werden muss.
Zwischen der Kulturkritik der sogenannten Frankfurter Schule und der der modernen Konservativen, gibt es durchaus gewisse überraschende Übereinstimmungen. Daher könnte auch die Lektüre für Linke und Liberale von Nutzen sein.
Vor einiger Zeit erklärte ein bekannter Wahlforscher, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen konservativ gesonnen sei und fügte hinzu, dass die CDU aber über keine Deutung dieser Wirklichkeit verfüge. Dieser Mann hat recht.

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„Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte. Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich ratlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen die ihr Gemüt ausfüllt, jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber; seine Kinder und seine persönlichen
Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht, was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht, er berührt sie und er fühlt sie nicht, er ist nur in sich und für sich allein vorhanden und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat."
Alexis de Tocqueville

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Diesen Zustand, den Tocqueville im 19. Jahrhundert noch befürchtete, sieht Rohrmoser in Deutschland konkret Gestalt annehmen und bemüht sich durch eine Kulturrevolution, gespeist aus dem christlich-konservativen Gedanken, das Schlimmste zu verhindern.
Der weltweiten Aufmerksamkeit und Anerkennung die Rohrmosers Werk findet, steht in Deutschland die Behandlung als „Prophet im eigenen Vaterland" gegenüber.